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Welche Ethik braucht das Internet?

Brauchen wir Ethik im Internet? April 7, 2008

Bereits im letzten Blog habe ich in der Themenvorschau erwähnt, dass ich im vorliegenden Eintrag den Schwerpunkt auf die Frage, ob man Ethik im Internet braucht, setzen werde. Darum möchte ich nun einige Fälle nennen, die aufzeigen sollen, dass die Diskussion um Ethik im Internet unerlässlich ist.

Themen, welche die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Ethik auch im Bereich des Internets aufzeigen:

  • Obwohl wir heute in einer Informationsgesellschaft leben, hat bei weitem noch nicht jedermann Zugang zum Internet. Zum Beispiel gibt es in der Republik Kamerun derzeit nur 45 000 User und dies bei einer Gesamtbevölkerung von 15,74 Mio, was einer Abdeckung von 0,29% entspricht.

Als Vergleich hierzu spricht man in den USA und den Niederlanden von einer Online-Rate (~Reichweite des Internets als Prozentzahl von Personen mit Internetzugang zur gesamten Bevölkerung) von jeweils 64,0% und in Island sogar 70,7 % (Scheule, 2005, S. 476). Dieser Vergleich zeigt die immer häufiger angesprochene Problematik des so genannten „Digital Divide“ auf, welcher die sich immer weiter öffnende Schere von Bevölkerungsregionen mit und solcher ohne Zugang zum Internet beschreibt.

Falls ihr Interesse habt mehr über die digital divide zu erfahren, möchte ich auf den Bericht „Das digitale Gefälle als Gerechtigkeitsproblem“ von Rupert Scheule hinweisen, welcher auch in der Zeitschrift Informatik Spektrum veröffentlicht worden ist.

  • Die Fragen nach der Freiheit der Verbreitung, werden in Form der Frage nach der Zugänglichkeit zur Weltvernetzung (freedom of access) gestellt. Eine zentrale Rolle im Zusammenhang des so genannten „freedom of access“ spielt die Pressefreiheit. Sie ist gemäss Capurro (2003, S. 79) die Kernfrage einer postmodernen Informationsethik. Eine der Organisationen, die für die Meinungs- und Pressefreiheit kämpft, ist die Organisation Reporter ohne Grenzen, welche sich weltweit für die unabhängige Verbreitung von Informationen einsetzt. Dazu gehörte die kürzliche Aktion beim Entzünden der Olympischen Flamme in Olympia (Griechenland), welche in den internationalen Medien diskutiert wurde. Mit dieser Aktion sollte auf die in China unterdrückte Presse- und Meinungsfreiheit aufmerksam gemacht werden (China gehört gemäss der Rangliste von Reporter ohne Grenzen bzgl. Pressefreiheit zu den am schlechtesten abgeschneidenden Ländern).
  • Mit Meinungsfreiheit bzw., viel eher im Zusammenhang mit dessen Einschränkung ist die Zensur zu nennen. Wie Simons (1997, S. 1) meint, ist die Zensur als eine Beschränkung der freien Meinungsäusserung durch den Staat bzw. einer in seinem Auftrag handelnden Behörde zu verstehen. Somit wird die Verbreitung von bestimmten Meinungen in Sprach-, Schrift-, Bild- oder Filmform untersagt bzw. inhaltlich sehr stark kontrolliert und allenfalls korrigiert. Die Form und das Ausmass der Zensur stellt ebenso ein Gradmesser für die Mündigkeit dar, welche der zensierende Staat seinen Bürgern zugesteht. Daraus folgt, dass in diktatorisch geprägten Ländern das Mass der Meinungsfreiheit geringer, der Umfang der Zensur mithin grösser ist, als in demokratischen Staaten – aber selbst dort bestehen noch merkliche Unterschiede (Simons, 1997, S.1). Z.B. werden in China bestimmte Suchbegriffe wie „6-4″ (Datum des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking) oder „Tibet Unabhängigkeit“ sogar zu einer kurzfristigen Blockade für den Nutzer geführt. Gemäss Reporter ohne Grenzen erscheine danach eine Fehlermeldung, bei einer erneuten Suchanfrage reagiere die Yahoo-Seite dann gar nicht mehr. Erst nach einer Stunde könne der Dienst wieder genutzt werden (Reporter ohne Grenzen, 2006). Für weitere Informationen möchte ich auf die Blogseite von Jocelyne Prèlaz hinweisen.
  • Im Jahr 2004 nahm Kobik aus der Bevölkerung 6’100 Verdachtsmeldungen zu Kinderpornografie entgegen, von welchen 521 Dossiers mit erhärtetem Verdacht auf Kinderpornografie an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet wurden. Dank der raschen Verbreitung des Internets hat die Kinderpornografie in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das Sexgeschäft soll gemäss Schweizerischer Kriminalprävention sehr profitabel sein, denn damit wird weltweit ein Umsatz von 20 Milliarden Dollar pro Jahr erwirtschaftet. Die schrecklichen Machwerke sind umso teurer, je jünger die kindlichen Opfer, je sadistischer die Handlungen an diesen Opfern sind. Die Herstellung von Kinderpornos ist dank technischem Fortschritt einfach geworden, da praktisch jedermann die dafür notwendigen Technologien bereits von einer breiten Bevölkerungsschicht gehalten werden (Digitalkameras, E-Mails und neue versteckte Speichermöglichkeiten) . Weitere Informationen bzgl. Kinderpornografie finden sie auf die folgende Seite Stop-Pornographie-Enfantine.
  • Laut Gall (2004) nimmt der Antisemitismus neben vielen anderen extremen Wertesystemen auf den Internetseiten seit vielen Jahren eine immer dominantere und immer aggressivere Stellung ein. Die antisemitische Propaganda im Internet ist seit den 90er Jahren viel gefährlicher als die bisher üblichen Propagandamittel (Zeitungen, Flugblätter und NPD-Vorträge in irgendwelchen Hinterzimmern). Gemäss John Perry Barlow, einem Vordenker der Netzkultur, welcher sich für eine vollständige Deregulierung des Internets einsetzt, unterstützt das Recht, Naziseiten ins Netz zu stellen. Er interpretiert, dass Hitler auch im Gefängnis sass, als er „Mein Kampf“ schrieb und dies zeige, dass Ansichten Naziseiten nicht zu veröffentlichen nicht unbedingt schwächer mache, wenn man versucht, sie zu unterdrücken. Somit soll Werbungen für die Naziideologie gemäss Barlow erlaubt sein, aber die Aktionen auf die Strasse zu gehen und andere Leute zu verprügeln verurteilt er scharf (Kammerer, 2003).

Während meiner Suche auf Youtube nach rechtsradikal tendierenden Clips, bin ich auf den deutschen Rechtsextremisten und Antisemiten Horst Mahler gestossen. Der Jurist wurde mehrfach wegen Volksverhetzung und Holocaustleugnung verurteilt, so dass ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen wurde. Auf Google bin ich zudem auf Mahlers Homepage gestossen.

Video Rechtsradikalismus im Internet

  • Der Datenschutz geht davon aus, dass jede Person ein berechtigtes Interesse an der Vertraulichkeit der sie betreffenden personenbezogenen Daten hat. Jede Übermittlung, Verarbeitung und Speicherung von personenbezogenen Daten bedarf der ausdrücklichen Ermächtigung durch die betroffene Person. Hier werden der Schutz vor Information und ihrer Weitergabe in den Vordergrund gestellt (Kolb, Esterbauer, Ruckenbauer, 1998, S. S. 55-56), damit es z.B. nicht zur Verbreitung unrichtiger personenbezogener Daten kommt oder für andere Zwecke missbraucht werden. Für interessante Beispiele möchte ich auf die Blogseite Datenverluste Grossbritannien hinweisen, welche gut gestückt ist mit interessanten Fällen insbesondere bzgl. staatlichen Datenschutzes.
  • Von Hausmanninger, Capurro konnte ich entnehmen, dass die Multikulturalität und die Multilingualität auch wahrzunehmende Aspekte sind. Schliesslich spielen bei der Entwicklung von Computerprogrammen, Übertragungstechniken, Präsentationsformaten, den Kosten des Angebotes von Internet-Seiten usw. ökonomische Fragen der Grössenordnung der jeweiligen NutzerInnen-Kreise eine entscheidende Rolle- in wenigen Jahren wird Chinesisch die am meisten genutzte Sprache im Internet sein. D.h. die Verbreitung, Nutzung, Reputation und ökonomische Bedeutung von Sprachen hängt von der Grösse der jeweiligen Sprachgemeinschaft und deren ökonomischer Rolle im Vergleich zu anderen Sprachgemeinschaften ab. Jede Ausweitung der Sprachgemeinschaft erlaubt zusätzliche Verbindungen für alle diejenigen, die diese Sprache bereits beherrschen und nutzen.“ (Hausmanninger, Capurro, 2002, S. 45-46)
  • Hacking wie etwa zu Zwecken der Industrie- oder Staatsspionage ist üblich. Im Netz habe ich drei Klips gefunden

Das ist ein Interview von CNN mit chinesischen Hackern

Hier wird gezeigt, wie man Internetkameras hacken kann.

Hier lernt man wie man ein Windows XP Password ohne irgendein Programm hacken kann.


Fazit

Anhand der oben genannten Fälle, kann man die Frage, ob man Ethik im Internet braucht, klar bejahen. Die Konflikte in elektronischen Umgebungen zeigen die Wichtigkeit der Informationsethik auf. Kuhlen erklärt diesen Bedarf nach Informationsethik folgendermassen:

„Der Bedarf nach informationsethischen Diskursen entsteht, wenn, wie skizziert, bei wichtigen Fragen des Umgangs mit Wissen und Information divergierende Interessen aufeinander prallen und unterschiedliche Ziele miteinander konfligieren und wenn die Interessen und Ziele durch jeweils für sich durchaus plausibel anmutendes normatives Verhalten gerechtfertigt zu sein scheinen.“ (Kuhlen, 2003)

Wegen der moralischen Konflikte, welche mit herkömmlichen und rechtlichen Mitteln kaum bewältigbar ist, hat man im Internet den Netiquette aufgestellt. Der Netiquette ist durch Berücksichtigung vom interkulturellen Kontext entstanden.

Schliesslich wirft die sich wandelnde Umwelt immer wieder Fragen auf, die „rechtlich“ noch nicht geregelt sind und hier kann die Ethik helfen. Ebenso hilft sie den Fachleuten in beruflichen Situationen ethisch begründete Entscheidungen zu treffen & Handlungsanleitungen zu finden -als ein Beispiel kann ich hier den Archivaren Ehrenkodex nennen.

Der informationsethische Diskurs hilft auch bei der Überprüfung, ob die vorhandenen rechtlichen Positionen oder Rechtsentwürfe auch im Einklang mit den neuen medialen, die Zukunft von Wissen und Information bestimmenden Potenzialen der digitalen Räume stehen (Kuhlen, 2003)


Themenvorschau

Nach dem ich ziemlich ausgiebig auf theoretischer Basis über die Ethik berichtet habe, möchte ich mich in der Folge allmählich mit der praktischen Anwendung der Ethik im Internet auseinandersetzen. Den ersten Schritt wage ich mit dem nächsten Blogeintrag, in dem ich über einige Institutionen vorstelle und auch über ihre Aufgaben berichte, d.h. ihren Beitrag für die Ethik im Internet.



Literaturverzeichnis:

Capurro, R.( 2003). Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner.

Gall, D. (2004). Antisemitismus und neue Medien. Gleichgültig? Unerfahren? Hilflos?. Gefunden am 3. April 2008 unter http://www.hagalil.com/archiv/2004/03/antisemitismus.htm

Hausmanninger, T.; Capurro, R. (Hrsg). (2002). Netzethik. Grundlegungsfragen der Internetethik. München: Wilhelm Fink

Kammerer, D. (2003, 30. Januar). Das Internet ist das Nervensystem. Tageszeitung

Kolb, A.; Esterbauer, R.; Ruckenbauer, H. (1998). Cyberethik. Verantwortung in der digital vernetzten Welt. Stuttgart: W. Kohlhammer

Kuhlen, R. (2003). Informationsethische Grundlagen. Universität Konstanz.

Reporter ohne Grenzen. (2006, 19. Juni). Yahoo zensiert am stärksten. Spiegel Online

Scheule, R., (2005, 1. Dezember).: Das „digitale Gefälle“ als Gerechtigkeitsproblem. Informatik Spektrum

Simons, J. (1997). Bits ohne Grenzen? – Zensur im Internet. Communication Consult

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2 Responses to “Brauchen wir Ethik im Internet?”

  1. sum4sem Says:

    Liebe Tende

    ABSOLUT SPITZE! dieser Beitrag!
    Von den philosophischen Höhen deiner früheren Beiträge mitten in die Realität eintauchen – das gefällt mir ausserordentlich.

    Du gibst einen umfassenden Überblick über verschiedene Themen wie Zensur, Kinderschutz, Rassendiskriminierung und zeigst die Notwendigkeit der Diskussion über Ethik im Internet auf.

    Da steckt viel Arbeit von dir dahinter: ausführliche Recherchen, Lesen und schliesslich auch das Verarbeiten der Informationen. Die Aufbereitung der Inhalte in diesem Blog ist sehr gut gemacht. Es liest sich wie ein spannendes Buch, bietet aber im Gegensatz zu jenem, sehr fundierte Hintergrundinformationen zum Thema Ethik im Internet.

    Ich hoffe sehr, dass du viele interessierte Leserinnen und Leser deines Blogs findest. Ich jedenfalls, bin schon ganz gespannt auf deinen nächsten Beitrag.

    Eine schöne Woche wünschend
    sum4sem

  2. […] auftauchen und ebenso, ob wir überhaupt eine Internetethik benötigen, wurden im Blogeintrag „Brauchen wir Ethik im Internet” nach der Präsentation von einigen Fällen schlussendlich […]


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