IW06vz’s Weblog

Welche Ethik braucht das Internet?

Informationsethik März 26, 2008

4.1 Definition

Der Begriff Informationsethik beschreibt die Ethik im Bereich der Informationswissenschaft und zählt damit zur so genannten neuen Ethik. Dies bedeutet nicht, dass diese neue Ethik, den klassischen ethischen Diskurs ausser Kraft setzt (Kuhlen, 2004, S. 18-19), sondern die Ethik so geformt wird, dass deren Grundsätze Anwendbarkeit für das Internet erlangen (Schwenk, 2002, S. 31-32). Somit zielt die Informationsethik explizit auf das normative Verhalten in den telemediatisierten Lebenswelten ab.

Zu den grundlegenden Prinzipien der Informationsethik gehören:

  • Gerechtigkeit
  • Inklusivität
  • Selbstbestimmung und
  • Nachhaltigkeit

Aus diesen Grundsätzen können das Recht auf Kommunikation, Privatsphäre, Teilungsbereitschaft, Transparenz und informationelle Symmetrien abgeleitet werden (Kuhlen, 2004, S. 18-19).


Kuhlen prägte zudem die Aussage, dass das Ethos der Informationsgesellschaft das Internet ist (Kuhlen, 2004, S. 28 ff.), das wiederum bedeutet, dass das Internet den Raum der Informationsethik darstellt. Schliesslich entwickeln sich in den elektronischen Räumen beim Umgang mit Wissen und Information gegenwärtig die Umgangsformen, daraus die Normen, daraus vielleicht die moralischen Grundlagen (das normative Verhalten) und vielleicht sogar neue ethische Verallgemeinerungen. Da die Informationsethik die bisherige Ethik nicht ausschliesst, ist sie somit die Gesamtheit offener Aussagen über das normative Verhalten, dass sich in den fortschreitend telemediatisierten Lebenswelten und in der Auseinandersetzung mit den in bisherigen Lebenswelten gültigen Werten und normativen Verhaltensweisen entwickelt (Kuhlen, 2004, S. 23).


Weil die elektronischen Räume des Internets alle Bereiche der Gesellschaft (Kuhlen, 2003) prägen und die Streuweite höher ist, als bei den anderen Medien, beansprucht die Informationsethik die öffentliche Aufmerksamkeit. Darum ist es wichtig zu berücksichtigen, dass das Internet und das abstrakte Konstrukt der globalen Informationsgesellschaft weder die vielen nationalen und regionalen Informationsgesellschaften und damit weder die dort bestimmenden Werte und normativen Verhaltensformen noch die bisherigen Prinzipien bürgerlicher Gesellschaft (Marktwirtschaft, Demokratie und Allgemeine Menschenrechte) ausser Kraft setzt. Schliesslich leben die Menschen weiterhin in ihren lokalen, nationalen und regionalen Kontexten und sie betreiben ihre privaten, professionellen, wirtschaftlichen und öffentlichen Geschäfte weiterhin in den etablierten Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft ( Kuhlen, 2004, S. 29). Deswegen erschwert die globale Ausrichtung des Internets auch die Etablierung eines einheitlichen Wertekonsens und einheitlicher Online-Gesetze. Schliesslich gibt es zum einen diverse Rechtstraditionen, zum anderen differenzieren sich die moralischen Kriterien einzelner Kulturen und Lebensräume zum Teil stark. Darum schreibt man dem interkulturellen Kontext des Internets eine besondere Bedeutung zu, der einen gesellschafts- und kulturübergreifenden Dialog über Grundwerte nötig erscheinen lässt.

Weil die Einhaltung ethischer Normen stets auf freiwilliger Basis erfolgt und daher die Akzeptanz durch den Nutzer voraussetzt, ist es erforderlich und sinnvoll, den einzelnen „Beteiligten“ zu Worte kommen zu lassen und zu überprüfen, welche Normen und Werte die Online-Nutzer als gemeinsame ethische Basis anzuerkennen bereit sind (Schwenk, 2002, S. 31-32). Somit lautet die Aufgabe nach Wolf (2007, S. 331 ff.) „Brücken zwischen den kulturellen Welten dieser Erde zu schaffen und Mindeststandards dessen zu definieren, wie die Menschenwürde einzuhalten ist und was deshalb im Internet nicht verbreitet werden darf. Diese Diskussion ist mit besonderer Sensibilität und grossem Fingerspitzengefühl zu führen, um neben der bereits bestehenden wirtschaftlichen und sprachlichen Dominanz der westlichen Kulturen (Offenhäusser, 1999, S. 77 zitiert in Wolff, 2007, S. 331-345) eine zusätzliche gesamtkulturelle und moralische Homogenisierung zu vermeiden (Wolff, 2007, 331-345). Erst auf Basis dieser Diskussionsergebnisse kann eine sinnvolle, weitgehend akzeptierte, individualethische Internetethik entwickelt werden (Schwenk, 2002, S. 31-32).


Ein weiterer nennenswerter Aspekt ist, dass sich in elektronischen Räumen weltweit ein neues Verhalten bzgl. der Bereitstellung und Inanspruchnahme intellektueller Produkte unterschiedlicher medialer Art (Musik, Texte, Bilder) und von der allgemeinen Publikumsinformation bis zu wissenschaftlichen Erzeugnissen entwickelt hat. Angesprochen wird hier der freizügige, nicht kommerzielle Umgang mit Wissen und Information (z.B. File-Sharing-Systeme, unter Anwendung von P2P-Technologie, durch Verwendung offener Entwicklungsumgebungen für Software (Open Source), durch Anrechnung und Referenzierung von Leistung, nicht über monetäre Abrechnung (Kuhlen, 2003)). Als einer der bekanntesten Fälle ist die „Napsterisierung“ zu nennen, welche sehr widersprüchlich angesehen wird. Die einen halten dies als Data Piracy und die anderen sind der Meinung, dass man durch den freizügigen Umgang etwas Gutes tut.


4.2 Fazit

Capurro (2003, S. 80-83) schlägt vor, dass auf Basis der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ ethische Grundsätze für das Internet entwickelt werden. Die wichtige Frage, welche hier aber nicht beantwortet werden kann, ist, wie die Einhaltung dieser so definierten ethischen Grundsätze zugesichert werden kann.

Neben der Frage nach der ethischen Korrektheit von Inhalten im World Wide Web, ist auch die Funktion, welches das Internet im ganzen Ethik-Diskurs wahrnimmt und auch noch vermehrt wahrnehmen könnte ein zentrales Thema, welches bedacht werden muss. Die zitierten Autoren betonen einstimmig, dass ein gesellschafts- und kulturübergreifender Dialog notwendig ist, damit die ethischen Normen festgelegt werden können. Nach meiner Meinung dürfte sich diese Diskussion schwierig gestalten, da ein gemeinsames Verständnis der unterschiedlichen Kulturen sehr oft fehlen wird.

Die Vorstellung von Moral ist durch Kultur, Religion und Tradition geprägt. Genauso sind die auf diesen unterschiedlichen Moralvorstellungen basierenden Gesetze von Nation zu Nation unterschiedlich ausgestaltet.

Die Informationsethik kann in ihrer völkerverbindenden und kulturübergreifenden Funktion eine Plattform für einen ethischen Diskurs bieten und dadurch die Herbeiführung eines ethischen Grundkonsenses entscheidend unterstützen. Somit stellt die Informationsethik aus meiner Sicht eine ganz zentrale Möglichkeit dar, das gemeinsame ethische Verständnis zu fördern.


4.3 Themenvorschau

Ich habe mich bereits letzte Woche mit den diversen Sichten der Ethiken beschäftigt und mich in obigem Eintrag mit der Informationsethik auseinandergesetzt. Beim nächsten Blog möchte ich der Fragestellung, ob man Ethik im Internet braucht, meine Aufmerksamkeit schenken.


4.4 Literaturverzeichnis

Capurro, R. (2003). Ethik im Netz. Stuttgart: Franz Steiner.

Kuhlen, R. (2004). Informationsethik. Umgang mit Wissen und Information in elektronischen Räumen. Konstanz: UVK

Kuhlen, R. (2003). Informationsethische Grundlagen. Universität Konstanz.

Schwenk, J. (2002). Cyberethik. Ethische Problemstellungen des Internets und Regulierungsansätze aus Sicht der Online-Nutzer. München: Reinhard Fischer

Wolff, O.J. (2007). Kommunikationsethik des Internets. Eine anthropologisch-theologische Grundlegung. Hamburg: Dr. Kovac

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One Response to “Informationsethik”

  1. sum4sem Says:

    Liebe Tende

    Du zeigst sehr gut die Problematik gemeinsamer Wertefindung im Ethos Internet auf. Nach dem Lesen deines Blogbeitrags, stufe ich ein Internet, das nach ethischen Grundsätzen
    operiert, als nicht zu realisierende Utopie ein.

    Die Idee von Capurro eine Ethik auf Basis der Menschenrechte aufzubauen ist sicher richtig. Diese sind wohl der gemeinsame Nenner der meisten Staaten auf unserer Welt.
    Kritisch fragen möchte ich aber, wie ethische Grundsätze im Raum Internet umgesetzt werden sollen, wenn die Einhaltung der Menschenrechte von vielen Staaten zwar unterschrieben, aber keineswegs auch eingehalten wird. Die Schweiz kann da nicht ausgenommen werden. Die Schweizer Sektion von Amnesty International berichtet darüber auf ihrer Webseite (http://www.amnesty.ch/de/themen/schweiz).

    Mich würde interessieren, ob du dich mit dem Thema Internethik weiterhin auf der theoretischen Ebene auseindandersetzen willst.

    Mich würden auch praktische Initiativen interessieren, wie nethics.net der Uni Konstanz (http://www.nethics.net/nethics_neu/n3/news/netznews.htm) oder Überlegungen zur netiquette (http://de.wikipedia.org/wiki/Netiquette), z.B. ob diese in der Regel beachtet wird oder nicht.

    Wenn Ethik nur durch diskutieren/disputieren erreicht werden kann, möchte ich wissen wer wo wie darüber diskutiert.
    Gibt es auch Foren, in welchen über Ethik im Internet diskutiert wird oder wird die Diskussion über ethische Grundsätze den verschiedenen Glaubensrichtungen und den strafrechtlichen Behörden überlassen (z.B. KOBIK, die sich aber mit Internetkriminalität befasst: http://www.kobik.ch/).

    Du siehst, mich interessiert die praktische Umsetzung der Diskussion über Ethik, welche sozialen Systeme (um wieder auf Luhmann aus meinem Kommentar zum letzten Blogbeitrag zurück zu kommen…) existieren, die auch den „normalen User“ zur Diskussion einladen?
    Wie du in deinem Blog sehr gut aufgezeigt hast, sind ethische Grundsätze nur durch kommunizieren zu entwickeln und weiter zu entwickeln und können erst durch das Festigen von Werten in moralische Grundsätze umgesetzt werden.
    Den Fokus etwas mehr auf die Praxis zu lenken würde ich darum sehr begrüssen.

    Ich bin gespannt auf deine Antwort.

    Themawechsel:
    In der Begriffsdefinition von Kuhlen kommen 4 Grundprinzipien der Informationsethik vor. Dort wird von Inklusivität gesprochen.
    Kleine Empfehlung: deinen Blog mit den IW-Blogs zu eInclusion verbinden.
    IW 06 Vz (http://informationsgesellschaftfueralle.wordpress.com/)
    IW 06 Tz
    (http://iwwitch.wordpress.com/)

    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg bei deiner Recherche und der Auseinandersetzung mit dem Thema.

    Lieber Gruss
    sum4sem


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