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Welche Ethik braucht das Internet?

Verschiedene Sichten der Ethik März 25, 2008

Wie in meinem letzten Blog-Eintrag angekündigt, möchte ich nun einige Sichten der Ethik kurz vorstellen, bevor ich mich spezifisch der Informationsethik widme, welche für die Informationswissenschaft von besonderer Bedeutung ist. Als Beispiele von unterschiedlichen Sichtweisen der Ethik habe ich mir jene der Rechtsethik, religiös motivierter Ethik, Medizin- und Bioethik, Wirtschaftsethik und Technikethik ausgesucht.


3.1 Rechtsethik

In der Rechtsphilosophie ist die Ethik ein zweiter Normkreis neben den Rechtswissenschaften an sich, dessen Regeln sich aus dem Zusammenleben entwickelt haben und nicht mit Hilfe des Staates durchgesetzt werden können. Darum werden die Normen der Ethik mittels gesellschaftlichen Drucks durchgesetzt, z.B. durch Ächtung des Betroffenen.

Es gibt auch Bereiche in denen Ethik und Recht deckungsgleich sind, Beispiele stellen Diebstahl und Mord dar, welche beide sowohl ethisch geächtet werden, als auch rechtlich strafbar sind. Im Falle von Lügen hingegen handelt es sich um ein ethisch verwerfliches Verhalten, wobei dies aus Sicht des Rechtsstaates nur in ganz bestimmten Fällen gesetzeswidrig ist (zum Beispiel im Falle von Betrug). (Lexexakt, 2007)


3.2 Religiös motivierte Ethik

Im Falle religiös motivierter Ethik beruft man sich auf eine göttliche Offenbarung als Quelle von Handlungsnormen.

Religion gibt somit Handlungsanweisungen über ein moralisch korrektes Verhalten an seine Gläubigen. Dabei geschieht dies meist in Form einer Doktrin. Der einzelne Mensch soll nicht über Ethik und Moral reflektieren. Er soll sich so verhalten, wie dies seine Religion als moralisch richtig betrachtet.

Dieser Anspruch der Religion das moralisch korrekte Verhalten zu kennen, widerstrebt eigentlich einem modernen Ethik-Verständnis, welches davon ausgeht, dass Ethik der Ausfluss einer Diskussion und somit auch nichts Statisches ist und allgemeine – also auch religionsunabhängige – Geltung haben soll.

Als extremes Beispiel für ein von einer bestimmten Religion, bzw. einer Glaubensrichtung dieser Religion, als moralisch korrekt betrachtetes Verhalten, sei der Glaubenskrieg „Jihad“ genannt. Dieser heilige Krieg für die eigene Religion wird von entsprechender Glaubensrichtung als moralisch korrekt taxiert. Eine moderne Ethik verlangt aber eine Diskussion darüber, ob ein solches Verhalten moralisch korrekt ist oder nicht. Insofern steht Ethik und Religion in einem Spannungsverhältnis.




3.3 Medizin- und Bioethik

Die Frage über den Anfang und das Ende eines menschlichen Lebens ist nicht klar definiert. Man ist sich nicht sicher, ob das Leben mit der Zeugung, der Geburt oder irgendwann dazwischen beginnt. Entsprechend ist es unklar, ob das Ende aller Hirnfunktionen als Todeskriterium ausreicht.

Der ethische Diskurs muss somit herbeigezogen werden, um den Umgang mit Embryos bzw. Feten (Abtreibungsproblematik), mit Euthanasie- und Transplantationsproblemen und weiteren Themen mehr zu diskutieren. So werfen die Möglichkeiten genetischer Manipulation (Klonen) zum Beispiel neue Fragen auf, die nicht durch medizinisches Wissen allein beantwortet werden können (Wingi, 2002)

Einer der aktuellen Fälle, der internationalen Anklang gefunden hat, ist der Tod der Französin Chantal Sebire. Seit acht Jahren litt sie an Esthesioneuroblastoma – eine seltene Krebskrankheit. Da in Frankreich Euthanasie (Sterbehilfe) gesetzlich nicht erlaubt ist, wurde ihr die Unterstützung zum gewählten Freitod von den Ärzten verweigert. Es stellt sich hier aus ethischer Sicht die Frage, ob es ethisch korrekt ist den Freitod zu wählen, bzw. ob es ethisch korrekt ist, jemanden, der sich für den Freitod entschieden hat, dabei nicht zu unterstützen.

auf englisch für die Leser, die Französisch-Faul sind.


3.4 Wirtschaftsethik

Die Wirtschaftethik behandelt Fragen, welche ökonomische Handlungsweisen und -gesetze in Einklang mit sozialer Gerechtigkeit zu bringen versucht.

Ebenso wird diskutiert, wer eigentlich die Verantwortung für das ökonomische Handeln trägt, wenn nicht mehr einzelne Menschen, sondern international agierende Konzerne, die das Wirtschaftsgeschehen bestimmen. (Wingi, 2002)

Hausmanninger (2003, S. 36) definiert die Wirtschaftsethik folgendermassen:

„Der folgende Ansatz schliesst an die Auffassung der Wirtschaftsethik als ethische Ökonomie an, bemüht sich also um eine Versöhnung ökonomischer und ethischer Rationalität, oder, diskursiv formuliert, um eine Integration strategischer und kommunikativer Vernunft. […] Wirtschaftsethik wird so zur Vernunftethik des Wirtschaftens.“

Meiner Meinung nach ist es anspruchsvoll Ethik und Wirtschaft in Einklang zu bringen. Es erfordert oft eine Umstellung im Denken, eine Anpassung bisher als gut anerkannter Handlungsweisen. Eine ethisch legitimierte Handlungsweise ermöglicht aber auch ganz neue Geschäftsmodelle und ist oft längerfristig orientiert, als eine möglichst grosse, kurzfristige Gewinnabschöpfung. Wichtig ist auch in diesem Bereich die Diskussion darüber, was als ethisch vertretbar betrachtet werden kann und was nicht.


3.5 Technikethik

Zentraler Aspekt bei der Technik sind die Fragen nach dem verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien (Fernsehen, Internet). Hausmaninnger (2003, S. 83) nennt dabei Benutzerfreundlichkeit und Datensicherheit als zwei Qualitätsmerkmale der Informationstechnik, welche von ethischer Relevanz sind. Mit Benutzerfreundlichkeit ist gemeint, dass die Technik auch senioren- und behindertengerecht ist.


3.6 Fazit

Obwohl diverse Sichten von Ethik existieren und der Schwerpunkt unterschiedlich gelegt wird, bleibt den unterschiedlichen Sichtweisen eines gemein: die Frage nach dem Guten, dem moralisch Richtigen.

Die Antworten auf diese Frage dürften von Kultur zu Kultur anders ausfallen. Darum ist es wichtig, dass man zu einem gemeinsamen Nenner kommt und dies ist erst dann möglich, wenn ein Diskurs über Ethik stattfindet und die Bereitschaft gemeinsam zu einer konstruktiven Lösung zu kommen, vorhanden ist.


3.7 Themenvorschau

Beim nächsten Blog werde ich über die Informationsethik berichten.


3.8 Literaturverzeichnis

Hausmanninger T.; (Hrsg). (2003). Handeln im Netz. Bereichsethiken und Jugendschutz im Internet. München: Wilhelm Fink

Lexexakt (2007). „Ethik“ URL: http://www.lexexakt.de/glossar/ethik.php [Stand: 20. Februar 2008]

Wingi, H. (2000). „Grundfragen der Ethik“. URL: http://www.schulfach-ethik.de/ethik [Stand: 18.02.2008]

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One Response to “Verschiedene Sichten der Ethik”

  1. sum4sem Says:

    Liebe Tende

    Dieser Blogbeitrag gibt eine gute kurze Übersicht über verschiedene Ethikansätze und zeigt verschiedene Foci auf ethische Fragen sehr deutlich. Ich habe gar nicht gewusst, dass es soviele verschiedene Ethiken gibt.

    Ich habe mir die Frage gestellt, ob es ein Zeichen unserer moderner Zeit der Spezialisierung ist, dass eben nicht mehr
    eine einzige Instanz (früher durch die Kirche repräsentiert) darüber entscheiden kann was wahr und wahrhaftig ist.
    Als zweiten Punkt könnte ich mir auch den Verlust an Authorität, den die verschiedenen Religionen und Kirchen in den demokratischen Staaten eingebüsst haben, vorstellen. Die Kirche hat keinen grossen Einfluss mehr auf den Staat, aber die religiösen Grundwerte will der Staat nicht ganz aufgeben (siehe Präambel der Bundesverfasssung).
    Interessant finde ich jedenfalls, dass grössere Systeme (Recht, Technik, ..) scheinbar eine Notwendigkeit sehen, sich über ethische Grundsätze Gedanken zu machen.

    Beim Lesen deines Fazits ist mir die Systemtheorie von Niklas Luhmann (Quelle: http://www.uni-essen.de/reichertz-referate/Koloss/koloss/mainframe01.htm) in den Sinn gekommen, mit welcher ich mich im Kurs Sozialpsychologie der Information und Kommunikation befasst habe.
    Für ihn ist die „basic unit“ der Gesellschaft Kommunikation. Er sagt, dass soziale Systeme durch das operieren, d.h. das kommunizieren sich selbst erzeugen und selbstreproduzieren.
    Solange kommuniziert wird, besteht das soziale System. Wenn keine Kommunikation mehr stattfindet hat sich das System aufgelöst.
    Für Ethikkommissionen oder andere Ethik-Organisationen, oder eben soziale Systeme mit dem Sinnhorizont Ethik, welche sich mit ethischen Grundsätzen befassen, heisst das, dass sie das kommunizieren über die Ethik immer weiter fortführen müssen, damit diese sich weiter entwickeln kann.
    Also ganz im Sinne deines Fazits.

    Was mich an deiner Präsentation in der Klasse noch beeindruckt hat, war dein Hinweis, dass Ethik nicht etwas ist, dass man hat oder erreichen kann, sondern viel flüchtiger ist: das dauernde darüber nachdenken, was richtig ist, darüber zu streiten, sich kurzfristig zu einigen und dann wieder neu zu streiten, usw.

    Zuzulassen, dass Ethik nie fassbar/sichtbar sein wird, sondern nur in der moralischen Ausprägung zeigt, worüber in ethischen Diskursen Einigkeit herrscht(e), stellt die hohe Anforderung an uns Menschen, über Werte zu diskutieren ohne gleich ein Resultat in der Hand zu halten.

    Nun bin ich gespannt, was du zur Informationsethik zu berichten hast.

    Lieber Gruss
    sum4sem


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